Des-Illusionierung

Widersprüche und Spannungsverhältnisse prägen gesellschaftliche Systeme. Sich mit ihnen zu befassen ist manchmal hochinteressand und spannend. Manchmal aber führt das auch zu Anfällen von Verzweiflung und/oder Resignation und der Frage, wozu das alles.

Für mich persönlich ist die Illusion der Chancengleichheit um bei dem gleichnamigen Titel eines Buches einer meiner Lieblingssoziologen wenn man das so sagen kann, ein Feld, mit dem ich mich sehr gern und sehr ausführlich befasse. Deshalb, weil dort diese ganzen Widersprüchlichkeiten zu Tage treten, auch Widersprüche zwischen kommuniziertem politischem Anspruch und politischem Entscheiden beziehungsweise Handeln. Und ich bin ausgewiesener Luhmann-Fan. Das ist kein Widerspruch, denn der Bildungssoziologe und der Vater der Systemtheorie haben eines gemeinsam: Sie nehmen eine distanzierte, manchmal sogar von Selbstironie geprägte Haltung zu den Phänomenen ein, die sie untersuchen. Manchmal stößt eine solche Haltung auf Unverständnis wenn man Dinge benennt, die sind wie sie sind, obwohl sie gerne anders erscheinen wollen.

Bei der Recherche zum Ungleichheitsthema bin ich nun auf einen Artikel gestoßen, der mich zugegebenermaßen überrascht hat ob seiner Deutlichkeit.

Peter, T. (2012) Verdiente Spitze? Zur Rechtfertigung von Ungleichheit in Bildung und Gesellschaft. In M. S. Baader & T. Freytag (Eds.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (pp. 55–71). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden

Zusammenfassung: (https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-14999-4_4)

„Wie kommt es, dass sich der Wert der Gleichheit immer weniger Geltung verschafft? Während die höchsten Einkommen enorm gestiegen sind, ist es gleichzeitig zu einer verstärkten Förderung von Exzellenz und Elitebildung gekommen. Mit der prinzipiell positiven Konnotation von Ungleichheit in den Diskursen um hohe Einkommen und Exzellenz ist zugleich ein Gerechtigkeitsanspruch verbunden. Dieser These nachgehend interessiert der Beitrag sich in Anlehnung an die Soziologie der kritischen Urteilskraft nach Boltanski und Thevenot für die Rechtfertigungsordnungen, die mit der Herstellung von Reichtum und Exzellenz verbunden sind. Anhand von programmatischen, institutionellen und wissenschaftlichen Texten wird herausgearbeitet, wie im Bildungswesen bestehende Ordnungsmuster delegitimiert, Spitzen konstruiert und Ungleichheiten legitimiert werden. Rhetoriken von Reichtum und Exzellenz suchen sich anhand ökonomischer Ineffizienz und unverdienter Erfolge zu plausibilisieren, unterstellen gerechte Verfahren auf dem Weg zu Spitzenpositionen und gehen davon aus, dass sowohl Reichtum als auch Exzellenz dem Allgemeinwohl zugute kommen.“

“ Zur ‚Illusion der Chancengleichheit‘ (Bourdieu) treten die Illusionen von Leistung und Qualität. Dabei zeigen sich zugleich die unabweisbaren normativen Lücken, die mit den Rechtfertigungen einhergehen. Dass hohe Einkommen und Vermögen für eine prosperierende Ökonomie unabdingbar sind, ist ebenso zu hinterfragen wie der Kern der Exzellenzargumentation, nach der Spitzenforscher und „High-Potentials“ den entscheidenden Beitrag für gesellschaftlichen Fortschritt liefern. Längst kann die Privilegierung von Reichtum das Versprechen allgemeinen Wohlstands nicht mehr halten sondern zeitigt kontraproduktive ökonomische Effekte. Auch die einseitige Orientierung auf Exzellenz in der Bildung ist nur zu durchbrechen, wenn in der gesellschaftlichen Debatte sowohl Nutzen und Funktion der Wissenschaft als auch das Zustandekommen von sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Innovation hinterfragt wird. Erst die Einsicht, dass das komplexe Entstehen wissenschaftlicher Erkenntnisse weniger durch Konkurrenz, sondern vielmehr durch Kooperation geprägt ist, dass Innovationen weniger durch einzelne Genies, als zunehmend durch gut organisierte kollektive Intelligenz möglich werden, wird Alternativen in der Wissenschaftspolitik ermöglichen. Eine solche Perspektive muss freilich mit einer Idee von Gesellschaft einhergehen, die sich jenseits ihrer Reduzierung auf den Markt bewegt. (Peter, 2017, p. 69)

References
Peter, T. (2017). Verdiente Spitze? Zur Rechtfertigung von Ungleichheit in Bildung und Gesellschaft. In M. S. Baader & T. Freytag (Eds.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (pp. 55–71). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-14999-4_4

 

Ambivalenzen

Gegenwärtig wird Unterricht oft jahrgangsübergreifend, teilweise schon inklusiv vollzogen, wobei der Unterricht nicht auf den Lehrer, sondern auf den individualisierten und schöpferisch-kreativen Schüler zentriert ist und weniger die Disziplin als vielmehr die Selbstorganisation und Selbstmotivation von Schülern im Vordergrund steht. Erschienen vor 10 Jahren in dem unter Lehrern stark rezipierten Film ‚Treibhäuser der Zukunft‘ von Eberhard Karl individualisierte und auf die Kreativität des Einzelnen abzielende Unterrichtsformen noch als futuristische Experimente von Privatschulen, ist der jahrgangsübergreifende Unterricht mittlerweile ein bundesweites, in manchen Bundesländern teilweise verpflichtendes Unterrichtsprinzip geworden. Schülerinnen und Schüler sitzen in der Regel ab der ersten Klasse mit Schülern aus der 2. und 3. Klasse zusammen. Die Lösung der damit aufgeworfenen Probleme besteht oft in einer projektförmigen Unterrichtsorganisation. Die Lehrkräfte zeigen sich als Projektbegleiter individualisierter Lernprozesse, die mit einer zunehmend heterogen organisierten Schülerschaft umgehen müssen. Betrachtet man auf der Ebene des Unterrichts die Gewinner und Verlierer dieser neuen, auf Selbstorganisation abzielenden Lernformen, dokumentiert sich, dass soziale Ungleichheiten und damit verbundene neue Illusionen von Chancengleichheit verstärkt werden. Empirische
Arbeiten auch der quantitativen Bildungsforschung zeigen (Weinert 2001), dass die Differenz zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familienmilieus verstärkt wird. Diejenigen Kinder, denen ein selbstständiges Arbeiten mit den aus der bürgerlichen Kultur bekannten Lerngegenständen vertraut ist, können diese Vertrautheit nun unter den Bedingungen eines individualisierten Lernmarktes noch besser einsetzen. Vor dem Hintergrund von organisationstheoretischen Überlegungen – wie sie in Bezug auf Migration beispielsweise von Gomolla und Radtke (2007) angestellt wurden – ist zu erwarten, dass sich die Schule neue Auffangbecken für die Opfer individualisierten Unterrichts kreieren wird. Entscheidungen über Mitgliedschaften in aussichtsreichen Bildungsinstitutionen werden durch eine Individualisierung und den damit einhergehenden Beschleunigungsprozessen oft schon zu Beginn von Schulkarrieren zementiert. Kinder, die nicht im gleichen Maße mit in der Schule legitimierten kulturellen Kapitalformen ausgestattet sind, werden unter einen sich verstärkenden Transformationsdruck gestellt, wollen sie ihre Mitschüler aus den besseren Wohnvierteln nicht enteilen sehen.

(Rosenberg, 2017, pp. 310–311) References
Rosenberg, F. v. (2017). Ambivalenzen von Habitustransformationen. In M. Rieger-Ladich & C. Grabau (Eds.), Pierre Bourdieu: Pädagogische Lektüren (pp. 299–314). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Stadtbildung – Bildungsstadt

Ich bin nicht sicher ob es wirklich einfach nur naheliegend war, das Thema Diversität und kommunales Bildungsmanagement für die Prüfung zu wählen oder ob nicht da -Freud lässt grüßen – ich einfach mal das mache was ich immer schon machen wollte: Die Komplexität eines sehr komplexen Themas aufzeigen. Weil es mich fürchterlich nervt, immer wieder diese verschlagwortende, kompexitätsreduzierte eindimensionale Bildungspolitikrhetorik zu lesen und dabei um Verzeihung bittend mit Blick auf die Äußernden Beck, Bourdieu, Luhmann, Heitmeyer zu bitten, Vergebt Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Was die ganze Debatte um die Chancengleichheit heraufbeschworen hat, ist eine Meritokratie. Eine Leistungserechtigkeit, die Kollateralschäden fordert. Die freie Wahl der Schule fördert  und legitimiert (!) soziale Segregation. Für alle die gleichen Startchancen zu schaffen, heißt Ungleichkeiten zu verstärken. Wir denken vom Start her und nicht vom Ergebnis. Bildungsexpansion schaftt neue Ungerechtigkeiten.  Bildung als ein verkäufliches und vermarktbares Gut zu betrachten, schafft Ungleichheit und Beliebigkeit. Und Stadtentwicklung hat ganz viel mit Bildung zu tun. Damit ist nicht gemeint, die nötigen Kita- oder Schulkapazitäten mitzudenken wenn ein neues Wohngebiet entsteht, das ist noch das geringste. Und „meine“ Stadt ist sozial viel stärker segregiert als es denkt.

Kapitel heute also: Was Stadtentwicklung mit Bildung zu tun hat und Bildung mit Stadtentwicklung.

Bildung und Erziehung sollte ich richtigerweise formulieren. Im Englischsprachigen Raum heißt beides zusammen education. Nur im deutschsprachigen Raum gibt es die Unterscheidung, das hat auch etwas mit der Theoriegeschichte zu tun und ist irgendwie typisch deutsch. Typisch deutsch ist auch,  auch zu allem Bildung zu sagen aber Erziehung zu meinen. Politische Bildung zum Beispiel. Alles was mit Normen und Werten zu tun hat ist nämlich „eigentlich“ Erziehung.

Wie gesagt. Komplex. Und ich werde ein Problem bekommen, die Komplexität derart zu reduzieren, dass sie in die maximal erlaubte Seitenzahl passt. Luhmann, hilf!

 

Policy

„Wir befinden uns im Aufwind und könnten die Weichen für erfolgreiche Wahlkämpfe stellen . Statt mit dem politischen Gegner befassen wir uns mit uns selbst .“

so ließ sich ein Parteichef zitieren. Inhaltlich steht er mit seiner Unzufriedenheit nicht allein, deshalb ist es auch irrelevant, welcher Partei in welcher Region er angehört. Statt mi dem politischen Gegner befassen wir uns mit uns selbst.

Nu ja, liebe Parteiführungskräfte, Parteien befassen sich immer mit sich selbst. Die Selbstbefassung dreht sich um eine Abgrenzung von einem imaginären politischen Gegner (Wahlweise eine andere Partei, eine Verwaltung, bös- und lernunwillige Bürger, „das System“).  Dazu dient dann meist ein Stellvertreterthema, anhand dessen nachgewiesen wird, wie sehr man sich doch vom politischen Gegner abgrenzt.

Da die Welt immer diverser geworden ist – besser gesagt, sie ist nicht diverser geworden, sondern der Blick auf die Welt immer differenzierter, auch eine Folge der Globalisierung und Digitalisierung und damit veränderter Kommunikationsformen und ebenfalls damit verbunden virtuellen Realität, die nicht mehr allein duch Massenmedien geprägt ist, sondern durch soziale Netzwerke, wird es immer schwieriger, „eigene“ Themen zu finden. In einer diversen Welt gibt es nicht mehr schwarz und weiß, die „alten“ Grenzen exisiteren nicht mehr. Machtstrukturen weltweit haben sich verändert und es ist nicht mehr ganz so einfach, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Und wenn das schon für die große Welt nicht geht, so geht das in einem Land oder in einer Stadt noch weniger.

Womit will man in einer Stadt, der es wirtschaftlich halbwegs gut geht, in der keine Schulen geschlossen werden müssen (jedenfalls nicht aufgrund fehlender Schülerzahlen), in der Kitas gebaut werden, die ziemlich viel grün aufweist, ein paar kaputte Fuß- und zuwenig Radwege, die zwei neue Kulturpaläste hat, in der sich Armut und Kriminalität vergleichsweise in Grenzen halten, wie will man in einer solchen Stadt Wahlen gewinnen? Was sollen Parteien sich in ihre Programme schreiben, womit sollen sie für sich werben, damit die Bürger sie wählen? Irgendwas muss ja besser werden. Veränderung per se mag Mensch nicht. Höchstens dann, wenn sich eine Veränderung zum Guten (was auch immer das bedeutet) erwarten lässt. Aber was ist das gute wenn die Gesamtlage halbwegs stimmt. Was kann man verändern. Man muss irgendwas Veränderungswürdiges finden. Oder man arbeitet sich am politischen Gegner ab. Das aber, das interessiert, mit Verlaub, kein Schwein. Nur Menschen die entweder der eigenen Partei oder maximal noch dem politischen Gegner verbunden sind. Und die haben dann wieder Spielgeld. So beschäftigt Politik dann mit sich selbst und die Welt draußen dreht sich weiter.

Keine Problemschule, sondern Schule, die Probleme löst

Thema (meines) Tages heute: Inklusion und Exklusion und die Rolle von Bildung.  Bei der Recherche meiner Forschungsliteratur bin ich auf folgendes Zitat gestoßen:

“ … führen aber auch insgesamt „erfolgreiche“ Bildungsprozesse kollektiv i. d. R. zu einem Mix aus sozialer Inklusion und Exklusion. Als soziale  Querschnittsvariable kann Bildung in vielen Fällen eine mehrdimensionale Inklusion in verschiedenen Lebensbereichen leisten, gerade aufgrund ihrer zentralen Bedeutung besteht aber erhöhte Exklusionsgefahr für diejenigen, bei denen (abso-lute oder relative) Bildungsdefizite bestehen. Auch die große soziale Bedeutung von Reichtum und Armut geht letztlich darauf zurück, dass materielle Unterschiede eine Vielzahl von Lebenssituationen parallel und dauerhaft entscheidend beeinflussen. Abhängig von ihrer Größe, ihrem Zusammenwirken und ihrer Stabilität können sich Bildungseffekte somit zu Phänomenen ausgeprägter sozialer In- und Exklusion verdichten. Diese grundsätzlichen Zusammenhänge werden durch die historische Entwicklung akzentuiert, welche langfristig eine zunehmende Bedeutung formalisierter Bildungsprozesse als notwendige Basis für eine erfolgreiche Lebensgestaltung zeigt. Mit der quantitativen Verschiebung hin zu einer „Massenbildung“ wird Bildung ein Breiten-Inklusionsmedium. Gleichzeitig bedeutet dies aber, dass eine besondere Exklusionsgefahr für diejenigen besteht, welche die qualifikatorischen Mindestanforderungen nicht erfüllen. (Hillmert, 2009, p. 86)

Hillmert, S. (2009). Soziale Inklusion und Exklusion: die Rolle von Bildung. In R. Stichweh & P. Windolf (Eds.), Inklusion und Exklusion: Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit (1st ed., pp. 85–100). Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91988-1_5

Das heißt in der Konsequenz, dass es gesellschaftliche Aufgabe ist, genau dem vorzubeugen. Was bei dergesamten Diskussion um die Rolle von Bildung und sozialer Ungleichheit – ob absichtlich oder nicht – außer Acht gelassen wird, ist die Frage von Ursache und Wirkung. Mehr und bessere Bildung „für alle“ heißt, den Faktor soziale Ungleichheit zu verstärken. Es ist nicht opportun, es ist nicht mainstream, aber es ist leider so.

 

Sonnabendvormittag

beim Zeitunglesen fiel mir ja beinahe die Teetasse aus der Hand. Der sachsen-anhaltinische Kultusminister hat Angst, dass die Sachsen seinem Land nun die Lehrer abspenstig machen und befürchtet eine Rückkehrerwelle. Es bestand also durchaus das Potential zum Kopfschütteln und eine weitere Chance, den Glauben an die Welt und Vernunft und so weiter zu verlieren. Herrgottnochmal, wie bescheuert ist das eigentlich? Der Fehler liegt im System und wer das bis jetzt noch nicht mitbekommen hat, ist nicht mehr zu helfen und das – mit Verlaub – Bekloppteste wäre, wenn die Bundesländer sich jetzt gegenseitig den schwarzen Peter der besseren Arbeitsbedingungen zuschieben anstelle sich zu überlegen, wie die Fehler der Vergangenheit sich nicht wiederholen. Mir fällt ein, PISA für Erwachsene hat sehr schön gezeigt, dass so manches schon sehr lange im argen liegt.

ABER – man kann den Sonnabend auch anders verbringen. Märzenbecher ansschauen im Polenztal zum Beispiel. Kann ich nur empfehlen und habe festgestellt, mir fehlt mal wieder so zwei , drei Berge. Es relativiert sich vieles mit ein paar Höhenmetern in den Beinen und um so deutlicher wird die Absurdität politischer Diskurse. Es geht nur noch um Angst, Katastrophen, Verunsicherung. Deshalb: Märzenbecher.

Lasset uns streiten.

Einfach mal wirken lassen.

„Wollen wir mit der anderen Person koexistieren, müssen wir sehen, dass ihre Gewissheit – wo wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag – genauso legitim und gültig ist, wie unsere. Wie unsere Gewissheit ist auch die Gewissheit des anderen Ausdruck seiner Bewahrung der Strukturkoppelung in einem Existenzbereich – so wenig verlockend uns dieser Bereich auch erscheinen mag. […] Eine Konflikt ist immer eine gegenseitige Negation. Er lässt sich nie in dem Bereich lösen, in dem er stattfindet., wenn die beiden Parteien sich ‚ihrer Sache sicher‘ sind.“

Maturana, H. R., & Varela, F. J. (2009). Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Fischer: Vol. 17855. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl.

 

„Ein Konflikt ist nur zu überwinden, wenn wir uns in einen anderen Bereich bewegen, in dem Koexistenz stattfindet. Das Wissen um dieses Wissen ist der soziale Imperativ jeder auf dem Menschlichen basierenden Ethik.“

Maturana, H. R., & Varela, F. J. (2009). Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Fischer: Vol. 17855. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verl.

 

Die Illusion des Führens

Als Bildungswissenschaftler schaue ich mit einiger Skepsis darauf, was so unter Personal- oder noch besser HR-Management und Führung verstanden wird. Fällt auch irgendwie unter die Rubrik „Entzauberung von Mythen“. Vermutlich habe ich perspektivisch zwei Möglichkeiten: Organisationsberater oder eine Almhütte. (Oder Lehrer, der dann kritisch-renitente Humanressourcen liefert). Jedenfalls ist mein Führungsverständnis ein post-heroisches. Das ist keine Satire, sondern ein Fachbegriff. Ernsthaft.

Das Konzept der Organisationsentwicklung – Erwerbsgrundlage ganzer Heerscharen von Beratern und Managern, hat vier „Urväter. Edgar Schein (Stichwort Unternehmenskultur), Warren Bennis, Dick Beckhard und Chris Argyris. Letzterer hat sich mit dem „Lernen“ von Organisationen befasst. Insbesondere mit der Frage, wie eine Organisation ihre Mitarbeiter beeinflusst im Sinne ihrer Entwicklung und wie Mitarbeiter die Organisation beeinflussen. Über drei Ecken findet man sich dann doch wieder beim Thema Kommunikation. Aber darum geht es heute ausnahmsweise mal nicht. Hier nun also das Zitat in Auszügen, welches einen neuerlichen Lachanfall hervorrief.  Lahcanfall deshalb, weil ich in früheren Studienarbeiten mich mit Unternehmenskultur und Personalführung und dergleichen befasste und diverse wirtschaftswissenschaftliche Literatur recherchiert habe. Als Sozialwissenschaftler ist das grenzwertig bis schmerzhaft.  Vor allem wenn sich dann „die Wirtschaft“ über „die Politik“ und „die Verwaltung“ aufregt oder umgekehrt. Steht der soziologisch angehauchte Bildungswissenschaftler mit einer Tasse Tee daneben und sagt, Leute, es sind alles Organisationen. Die einen sind nicht besser als die anderen und Personalführung, da redet Ihr von E-r-z-i-e-h-u-n-g. Aber gut. Die Gesellschaft muss beschäftigt werden. Nun also:

„Komplexe Anpassungsleistungen von Organisationen im Sinne des double-loop-learning [Anm.: ist nichts anderes als das eigene Handeln immer mal wieder kritisch zu hinterfragen und ggf. zu Ändern]  setzen notwendigerweise Entscheidungen des Führungspersonals voraus. Argyris hat sich daher auch mit der Frage befasst, warum ausgerechnet Führungspersonen den Heraus-forderungen komplexerer Anpassungsleistungen in Organisationen oft nicht gerecht werden. Seine These ist, dass dies mit der fachlichen Qualifikation des Führungspersonals wenig zu tun hat. Vielmehr müsse man im Regelfall mit qualifizierter Inkompetenz (skilled incompetence) rechnen: Hohe fachspezifische Qualifikation schließe das sprichwörtliche Scheuklappenverhalten – und damit den Verzicht auf double-loop-learning – nicht nur nicht aus, sondern mache dieses sogar wahrscheinlicher.“

Zudem aber, so Argyris, seien hoch qualifizierte Führungspersonen besonders geschickt im intuitiven Erfinden von »Verteidigungsroutinen«, die der Aufrechterhaltung des Status quo dienten. Verteidigungsroutinen, so Argyris, haben gar nichts mit der fachlichen Logik und folglich auch nichts mit der fachlichen Qualifikation des Führungspersonals zu tun, sondern mit dessen Bestreben, negativen Überraschungen, persönlichen Verlegenheiten oder Bedrohungen der eigenenPerson oder Position nach Möglichkeit auszuweichen, wobei die Ironie darin liege, dass ein solches Verhalten die Ursachen negativer Überraschungen, Ärgernisse oder bedrohlicher Situationen nicht nur nicht beseitigt, sondern unter Umständen erst schafft. Verteidigungsroutinen seien Ausdruck des Nicht-Lernens und übertriebener Schutzbedürfnisse.

Argyris macht also im Wesentlichen das Konfliktvermeidungsverhalten von Führungskräften für die Verhinderung von Lernen in Organisationen verantwortlich – gewissermaßen deren Neigung, »um den heißen Brei herumzureden«.  Dies steht durchaus im Gegensatz zu verbreiteten Klischees über »durchsetzungsstarke«, robuste und aggressive Führungspersonen in der öffentlichen Verwaltung oder in privaten Wirtschaftsunternehmen. Aber es ist vermutlich realistischer, männlichem wie weiblichem Führungspersonal die Neigung zu unterstellen, den emotionalen Kosten eines Konflikts sowohl mit gleichrangigen Kolleginnen und Kollegen als auch mit Untergebenen auszuweichen und die mit Konflikten einhergehenden Belastungen für die Organisation zu vermeiden. Und je umfassender die Abweichung von eingespielten Routinen, umso höher dasKonfliktpotenzial des Lernens. Dies ist Argyris zufolge also der wesentliche Grund für das häufige Ausbleiben von double loop learning, auch wenn dieses im Interesse der Organisati-on eigentlich geboten wäre. Zu wissen, dass Veränderungen nötig sind, ist nicht dasselbe, wie diese Veränderungen auch anzugehen. Typisch sei vielmehr, so Argyris, dass Führungspersonen Zuflucht zu ambivalenten Kommunikationstaktiken (mixed messages) suchen, für die sich sogar Regeln angeben lassen, zum Beispiel: »Sorge dafür, dass deine Mitteilung inkonsistent ist. Handele so, als sei deine Mitteilung nicht inkonsistent. Mache die Inkonsistenz deiner Mitteilung und dein Handeln, das die Inkonsistenz igno-riert, undiskutierbar. Mache die Undiskutierbarkeit des Undiskutierbaren undiskutierbar. «Führungspersonen, so Argyris, befolgen solche Regeln mehr oder weniger unbewusst und erwerben gerade dadurch großes Geschick in ihrerAnwendung. Dadurch entstehe aber in einer Organisation auf Dauer ein Klima der Ambivalenz und des Misstrauens. Niemand traue sich, schwelende Probleme offen anzusprechen, weil kaum jemand bereit sei, den Makel des Störenfrieds auf sich zu nehmen. “

Seibel, W. (2016). Verwaltung verstehen: Eine theoriegeschichtliche Einführung (Erste Auflage, Originalausgabe). Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 2200. Berlin: Suhrkamp.

 

Best of

Studieren ist Seelenhygiene und keinesfalls immer nur ernst. Im Gegenteil. Manchmal lache ich Tränen beim Lesen. Deshalb möchte ich die geneigte Leserschaft teilhaben lassen. Der nette Nebeneffekt: das Repertoire an Zitaten für launige Reden oder Grußworte erweitert sich, Zitate, die erlauben, Dinge zu kommunizieren, die man sich so ganz direkt selbst nicht erlaubt.

Fangen wir also an:

Zum Thema Organisation und Führung:

Es ist vielleicht überspitzt und allzu sehr auf Organisationen des Erziehungssystems bezogen wenn man formuliert, die Leitung präsidiere über einer organisierten Anarchie. Ihr Unterbau gleiche einer Mülltonne, deren Inhalt einerseits nicht zu bestimmten Zwecken verwendet werden könne, andererseits aber auch nicht rein zufällig zusammenkomme und insofern eine statistische Behandlung erschwere. Jedenfalls ist aber eine starke Beimischung von Hoffen und Wünschen für Entscheidungen dieser Art unerlässlich. Demgemäß brauchen vor allem Vorgesetzte die Fähigkeit, sich gegenüber unbekannten Verhältnissen rational zu verhalten. Wenn die Belastung durch diese Situation und durch ständig kontraintuitives Verhalten der eigenen Organisation als zu groß empfunden wird, findet das System eine sehr typische Reaktionsmöglichkeit. Die Erweiterung des Organisationssystems durch besondere Funktionen und Stellen für Planung. Auf den ersten Blick ist das eine paradoxe Lösung. […] “

Luhmann, Niklas (2009): Soziales System, Gesellschaft, Organisation. 5. Aufl. 6 Bände. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss. (Soziologische Aufklärung, / Niklas Luhmann ; 3).

 

Wie viele Gräben gehen durch die Gesellschaft.

So lautete eine Überschrift irgendwann in den letzten Tagen in irgend einer Zeitung. Risse, Gräben, sie sind ständiges Thema. Zeit, sich diesem Thema zu widmen und zwar nicht aus politischer, politikwissenschaftlicher oder journalistischer Sicht. Sondern aus erkenntnistheoretischer und soziologischer. Wie viele Gräben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. So viele Gräben, wie wir selbst ziehen. Und sie sind so tief, wie wir sie graben.

Erklärungsbedürftig? Nun: wir erinnern uns mal, Vor langer langer Zeit, da war alles was vier Räder hatte, ein Auto. Was vier Beine hatte ein Hund, was grün war und etwas Buntes oben drauf, das war eine Blume. Dass es da irgendwie doch Unterschiede (!) gibt, das wurde uns erst später klar. Was so simpel klingt, ist ziemlich bedeutsam. Unterscheiden ist ein völlig normaler kognitiver Prozess. Wir tun das ständig. Je mehr wir unterscheiden – oder differenzieren – desto differenzierter wird das Bild, was wir uns von der Welt machen. Unterschiede entstehen durch Unterscheiden. Kein Unterscheiden – keine Unterschiede. Das ist allerdings keine Lösung.

Unterscheidungen sind nicht nur relevant für das Bild, was wir uns von unserer Welt machen. Unterscheidungen sind auch in sozialer Hinsicht bedeutsam. Die erste Unterscheidung, die wir machen, ist  (die Feminist_*en mögen mir bitte verzeihen) ist Mama und Nicht-Mama. Familie und Nicht Familie. Kenne ich und kenne ich nicht. Das Unterscheiden zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ist konstituierend für das Selbst. Und für soziale Gruppen. Klein-Systeme, aus denen die Gesellschaft irgendwie besteht. Leider gibt es einen Kitt für den Zusammenhalt, der heißt: Unterschied. Das, was eine soziale Gruppe zusammenhält, ist der Unterschied zu anderen, ist ein gemeinsames Merkmal, was andere Gruppen nicht haben. Das kann sein ein Fußballverein, das kann sein eine politische Überzeugung, das  ist das, was manche Personaler versuchen zu vermitteln, das Ding mit der Unternehmenszugehörigkeit.

Unterscheidungen haben eine kleine Eigenheit. Sie potenzieren sich. Unterscheidungen sind sozusagen Fraktale. Was ist damit gemeint? Nun, wieder ein Beispiel.  Nehmen wir mal an, jemand wollte sich um die Belange von Menschen mit Sommersprossen kümmern. Es wird also unterschieden zwischen Menschen MIT Sommersprossen und Menschen ohne Sommersprossen. Möglicherweise sind Menschen mit Sommersprossen eine Minderheit, sie sind dadurch benachteiligt, also muss auf ihre Belange Rücksicht genommen werden. Es wird über die Belange und Besonderheiten von Menschen mit Sommersprossen lang und breit diskutiert und immer wieder thematsiert. Nun gibt es aber vielleicht Menschen, die eine große Nase haben, die man bislang nicht berücksichtigte. Oder die kleiner sind. Kleiner als … Oder oder oder. Man kann dies imer weiter treiben und niemals wird man an einen Punkt kommen, an dem es nichts mehr zu differenzieren gibt, kein Unterschied mehr gemacht werden kann.

Die Möglichkeiten der Gräben- oder Rissproduktion kreuz und quer durch die Gesellschaft ist also nahezu grenzenlos. Und da der Mensch die Welt wahr nimmt und nicht nur spiegelt, und das Ganze auch noch aufmerksamkeitsgesteuert, kann es sein, dass er vor lauter Gräben und Rissen (ständig erzählt ja irgendeiner darüber) nicht mehr sieht, dass die anderen auch noch etwas anderes sind als jemand jenseits des Grabens.

Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal über Themen zu diskutieren, die Unterschiede zum Problem werden lassen. Soziale Ungleichheit zum Beispiel. Das ist aber viel unbequemer. Dann müsste man sich tatsächlich Lösungen einfallen lassen.